Arbeitszeit – und was wir von ihr lernen können

Ein Mann in Arbeitskleidung mit Schutzhelm und Werkzeug arbeitet auf einem Holzgerüst vor blauem Himmel
Photo: Josh Olalde via unsplash.com

Maloche, Hustle, 9 to 5. Viele Begriffe für das, womit wir einen Großteil unserer Lebenszeit verbringen – der Arbeit. Während Berufe wie Laternenanzünder bereits das Zeitliche segnet haben, sind neue wie Prompt Engineer gerade erst geboren worden. Andere wie Tischler:in, Bäcker:in oder Lehrer:in sind wahrliche Dinosaurier, buckeln sie schon Jahrhunderte.

Gab es technologischen Fortschritt, so war in der Regel auch ein Wandel der Arbeitswelt zu beobachten. Die Dampfmaschine wurde erfunden: Die Produktion von Hand wurde durch mechanische Werkzeuge ersetzt. Elektronische Speichermedien kamen auf: Datenmanagement wurde zentrales Thema in Organisationen. Und nun, im 21. Jahrhundert, fordert der Arbeitsmarkt von uns lebenslanges Lernen, stetige Erreichbarkeit und zeitliche Flexibilität. Aber ist mit den wachsenden Anforderungen der Arbeitswelt an uns auch die Zeit gestiegen, die wir mit Arbeiten verbringen?

Forschende haben sich historische Aufzeichnungen der letzten 150 Jahre angeschaut. Das Ergebnis: In vielen früh industrialisierten Ländern ist die durchschnittliche Arbeitszeit enorm gesunken. Im Jahr 1870 wurden in Deutschland im Durchschnitt pro Person noch über 3200 Stunden jährlich gearbeitet – etwa 65 Stunden bei 50 Arbeitswochen im Jahr. 2017 waren es hingegen nur noch etwa 1300 Stunden, also etwa 27 Stunden in 50 Wochen. Das heißt, mit zwei Wochen Urlaub im Jahr hätte man 1870 von Montag bis Samstag von 8 bis 19 Uhr arbeiten müssen, im Jahr 2017 hingegen nur von 8 bis 12:30 Uhr.

Darstellung der Arbeitszeit (in Stunden pro Arbeiter:in) in Deutschland als Balkendiagramm. 1870: 3284 Stunden 1929: 2128 Stunden 1980: 1756 Stunden 2017: 1354 Stunden

Darstellung: Jana Rosenfeld | Daten stammen von vor 1950 von Vollzeitkräften in der Produktion (nicht-landwirtschaftliche Tätigkeiten). Ab 1950 umfassen die Schätzungen die Gesamtarbeitszeit in der Wirtschaft, gemessen anhand der Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung | Datenquelle: Huberman & Minns (2007) und PWT 9.1 (2019)

Sowohl die inhaltlichen Anforderungen als auch der zeitliche Umfang von Arbeit haben sich stark verändert. Was bedeutet das für uns? Zum einen können wir durch Betrachtung unserer Arbeitszeit die Produktivität im Landes ermitteln und mit anderen Ländern vergleichen. Zum Ermitteln der Produktivität wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Kennzahl wirtschaftlicher Leistung einer Volkswirtschaft durch die Zahl geleisteter Arbeitsstunden geteilt. Über die letzten hundert Jahre ist die volkswirtschaftliche Produktivität in Deutschland gestiegen. Maßgeblich dafür sind die stark gesunkenen durchschnittlichen jährlichen Arbeitsstunden.

Zum anderen gibt es Ansätze, die versuchen, »Fortschritt« breiter zu fassen und neben ökonomischen Indikatoren wie dem BIP auch unsere Arbeitszeit zu berücksichtigen. Verbringen wir weniger Zeit mit Arbeit, haben wir die Möglichkeit, Zeit auf verschiedene andere Aktivitäten aufzuteilen: Familie, Hobbys, Reisen, Weiterbildung. Auch dies kann als gesellschaftlicher Fortschritt angesehen werden. Definiert man Fortschritt in diesem Sinne, stellt sich die Frage, ob Wirtschaftswachstum im Sinne einer Steigerung des BIP noch als primäres Ziel einer Volkswirtschaft angestrebt werden sollte. Eine Antwort liefert beispielsweise die Gemeinwohl-Ökonomie. Ihre Antwort lautet: Nein. Die Bewegung setzt sich für ein Wirtschaftsverständnis ein, das auf Werten wie Menschenwürde, ökologischer Verantwortung und demokratischer Mitbestimmung aufbaut. Die Initiative entstand 2010 in Wien und ist heute international tätig mit 4500 Mitgliedern. Kurzum, die Entwicklung der Arbeitszeit kann uns auch Aufschluss über gesellschaftliche Entwicklungen geben, diese inspirieren und helfen, unsere Welt besser zu beschreiben.

Vergleichen wir die Arbeitswelten von früher und heute, können wir viel lernen. Direkt, indem wir uns anschauen wie beispielsweise Lehrer:innen früher im Vergleich zu heute gearbeitet haben. Aber wir können auch indirekt Kenntnisse über Produktivität, Fortschritt und Lebensweise von Menschen gewinnen. Das Wissen über unsere Arbeitswelt, generiert durch die Betrachtung der Arbeitszeit, kann noch erweitert werden durch die Betrachtung von Geschlechterverteilung, Arbeitsbedingungen und Branchen. So kann unsere (Arbeits-)Welt sogar noch umfassender beschrieben werden. Doch das ist ein Thema für einen weiteren Artikel.

Jana Rosenfeld für Zum Staunen*

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